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Mission Mental BalanceAchtsamkeit bei Angst & Panik

Sicherheitsverhalten bei Angst: Warum kleine Hilfen groß werden

Von Nina Leismann · Veröffentlicht am

Nina Leismann sitzt mit weit geöffneten Armen auf einem Felsen im Meer

Sicherheitsverhalten sind all die kleinen Dinge, die du tust, damit nichts passiert. Das Wasserfläschchen in der Tasche. Der Sitzplatz in der Nähe des Ausgangs. Die Tablette, die du nie nimmst, aber immer dabeihast.

Sie fühlen sich vernünftig an. Sie sind harmlos. Und genau deshalb sind sie so schwer zu erkennen.

Der Haken: Sicherheitsverhalten beruhigt kurzfristig und hält die Angst langfristig am Leben.

Bei mir war es ein Luftspray. Ich bin nicht mehr ohne aus dem Haus gegangen. Es hat mir das Gefühl gegeben, im Notfall etwas tun zu können.

Ich habe es nie gebraucht. Aber es war immer dabei — und dieser Gedanke, dass ich es dabeihaben muss, war Teil des Problems, nicht der Lösung.

Was ist Sicherheitsverhalten?

Sicherheitsverhalten sind Handlungen, die eine befürchtete Katastrophe verhindern sollen. Fachlich unterscheidet man sie von der Vermeidung:

  • Vermeidung heißt: Du gehst gar nicht erst hin.
  • Sicherheitsverhalten heißt: Du gehst hin — aber nur mit Absicherung.

Beides hat denselben Effekt. Es verhindert, dass du die Erfahrung machst, dass die befürchtete Katastrophe auch ohne Absicherung ausbleibt.

Und genau diese Erfahrung wäre das, was die Angst kleiner machen würde.

Welche Beispiele gibt es?

Gegenstände dabeihaben Wasserflasche, Traubenzucker, Beruhigungsmittel, Riechfläschchen, Kaugummi, Handy mit vollem Akku, ein bestimmter Talisman.

Situationen absichern Platz am Gang oder am Ausgang. Nur Geschäfte mit kurzen Kassenschlangen. Immer wissen, wo die nächste Toilette ist. Fluchtwege prüfen, bevor man sich hinsetzt.

Menschen einbeziehen Nur in Begleitung rausgehen. Jemandem sagen, wo man ist. Anrufen, wenn es losgeht. Sich rückversichern lassen, dass alles in Ordnung ist.

Den Körper überwachen Puls fühlen. Auf den Atem achten. Symptome googeln. Sich regelmäßig durchchecken lassen, obwohl schon alles abgeklärt wurde.

Innerlich absichern Sich ablenken, um nicht zu spüren. Sich innerlich zureden, dass nichts passieren wird. Sich vorher genau ausmalen, was man im Notfall täte.

Bei mir kam mit der Zeit alles zusammen. Autofahren, Einkaufen, Aufzugfahren wurden bedrohlich. Ich habe meinen Partner angerufen, sobald es mir schlecht ging. Ich bin über Wochen von Arzt zu Arzt gerannt — Hausarzt, HNO, Kardiologe, MRT vom Kopf, Neurologe.

Jeder unauffällige Befund hat kürzer beruhigt als der davor.

Warum es die Angst verstärkt

Der Mechanismus ist einfach und unbarmherzig:

Du gehst mit dem Wasserfläschchen in den Supermarkt. Es passiert nichts. Was lernt dein Gehirn daraus?

Nicht: „Der Supermarkt ist ungefährlich.“ Sondern: „Gut, dass ich das Wasser dabeihatte.“

Der Erfolg wird der Absicherung zugeschrieben, nicht der Situation. Die Angst bleibt unwidersprochen — und die Abhängigkeit von der Absicherung wächst.

Nach einigen Monaten ist nicht mehr der Supermarkt das Problem, sondern die Frage, ob das Fläschchen dabei ist.

Sicherheitsverhalten ist deshalb kein harmloser Kompromiss. Es ist der Grund, warum Angst über Jahre bestehen bleiben kann, obwohl die auslösende Situation längst harmlos ist. Der zugehörige Antrieb dahinter ist fast immer Erwartungsangst.

Wie äußert sich Vermeidungsverhalten?

Vermeidung ist die sichtbarere Schwester. Sie zeigt sich als:

  • Absagen von Terminen, bei denen man sich unsicher fühlt
  • Umwege fahren, um bestimmte Straßen zu meiden
  • Treppe statt Aufzug
  • Einkaufen nur zu Randzeiten
  • Reisen verschieben
  • Einladungen ablehnen

Der Radius wird kleiner, ohne dass man es merkt. Meist fällt es erst auf, wenn jemand von außen fragt, warum man dieses Jahr nicht mitfährt.

Wie du Sicherheitsverhalten abbaust

1. Erst einmal sammeln. Schreib eine Woche lang auf, was du tust, damit nichts passiert. Ohne Bewertung. Die meisten sind überrascht, wie lang die Liste wird.

2. Sortieren nach Schwierigkeit. Von „geht gerade so“ bis „unvorstellbar“.

3. Ganz unten anfangen. Nicht mit dem Auto auf der Autobahn, sondern mit dem Wasserfläschchen im Nebenzimmer statt in der Tasche.

4. Ein Verhalten nach dem anderen. Nicht alles gleichzeitig, sonst wird es zur Überforderung und du machst kehrt.

5. Aushalten, nicht ablenken. Der entscheidende Teil. Die Anspannung steigt, wenn du die Absicherung weglässt — und sie sinkt von selbst wieder. Genau diese Erfahrung braucht dein Gehirn. Wenn du dich in dem Moment ablenkst, lernt es nichts.

6. Wiederholen. Einmal reicht nicht. Es braucht mehrere Durchgänge, bis die Erwartung sich ändert.

Wichtig: Bei ausgeprägter Angstsymptomatik gehört dieser Prozess fachlich begleitet. Was hier steht, ersetzt keine Therapie — Exposition wird in der Verhaltenstherapie nicht ohne Grund angeleitet.

Was sind die 10 goldenen Regeln der Angstbewältigung?

Diese Frage steht in Googles Fragenbox, und sie meint eine bekannte Merkliste aus der Angstbehandlung. Die zentralen Punkte daraus:

  1. Angst ist unangenehm, aber nicht gefährlich.
  2. Was du fühlst, ist eine körperliche Stressreaktion — nichts anderes.
  3. Verstärke die Angst nicht durch Katastrophengedanken.
  4. Bleib im Hier und Jetzt, statt vorauszudenken.
  5. Warte ab — Angst steigt nicht unbegrenzt, sie fällt von selbst.
  6. Beobachte, was passiert, statt dagegen anzukämpfen.
  7. Flieh nicht aus der Situation, sonst lernst du Flucht.
  8. Sei stolz auf jeden Schritt, auch kleine.
  9. Plane den nächsten Schritt, statt zu warten, bis die Angst weg ist.
  10. Übe regelmäßig, nicht nur im Notfall.

Der fünfte und der siebte Punkt sind der Kern — und beide stehen im direkten Widerspruch zu jedem Sicherheitsverhalten. Den zehnten übe ich in meiner kostenfreien Online-Schulung Schritt für Schritt mit dir.

Wann du fachliche Hilfe brauchst

Bitte lass es einordnen, wenn:

  • dein Alltag sich durch Vermeidung verändert hat
  • du bestimmte Orte oder Situationen nicht mehr allein aufsuchst
  • du Beruhigungsmittel oder Alkohol einsetzt, um Situationen auszuhalten
  • die Angst seit Wochen anhält
  • Antriebslosigkeit oder Hoffnungslosigkeit dazukommen
  • Gedanken auftauchen, dass du nicht mehr leben möchtest

Der letzte Punkt gehört sofort in fachliche Hände. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222, Bereitschaftsdienst 116 117. Österreich: Telefonseelsorge 142, Gesundheitsberatung 1450. Schweiz: Die Dargebotene Hand 143.

Wie es bei mir aufgehört hat

Das Luftspray war irgendwann einfach nicht mehr in der Tasche. Nicht, weil ich einen Entschluss gefasst hätte — sondern weil ich es Stück für Stück nicht mehr gebraucht habe.

Rückblickend war das Weglassen der kleinen Absicherungen der Teil, der am meisten Überwindung gekostet hat. Und der, der am meisten verändert hat.

Häufige Fragen

Welche Sicherheitsverhaltensweisen gibt es bei Angstzuständen?

Gegenstände dabeihaben (Wasser, Tabletten, Riechfläschchen), Situationen absichern (Platz am Ausgang, Fluchtwege prüfen), Menschen einbeziehen (nur in Begleitung, Rückversicherung), den Körper überwachen (Puls fühlen, Symptome googeln) und innerlich absichern (Ablenkung, Zureden).

Welche Beispiele gibt es für Sicherheitsverhalten?

Typisch sind das Wasserfläschchen in der Tasche, die nie genommene Tablette, der Sitzplatz am Gang, das ständige Pulsfühlen und wiederholte Arztbesuche trotz unauffälliger Befunde.

Wie äußert sich Vermeidungsverhalten?

Durch das Meiden von Situationen: abgesagte Termine, Umwege, Treppe statt Aufzug, Einkaufen nur zu Randzeiten, abgelehnte Einladungen. Der Aktionsradius wird schleichend kleiner.

Was ist der Unterschied zwischen Vermeidung und Sicherheitsverhalten?

Bei Vermeidung gehst du gar nicht erst hin. Bei Sicherheitsverhalten gehst du hin, aber nur mit Absicherung. Beides verhindert die Erfahrung, dass es auch ohne gutgeht.